The Brain

Zeitreise-Bericht einer 10. Klasse des BIP Kreativitätsgymnasiums Leipzig vom 10. bis 11. Dezember 2019

Wir schreiben das Jahr 2040

Mein Wecker klingelt, aber jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre ein Cyborg und wäre nicht auf diesen nervigen Wecker angewiesen. Leider sind die nur den Wohlhabenden vorbehalten. Aber gut, heute ist ein besonderer Tag, auf den ich mich schon lange freue: Einmal im Jahr kommt ein Arzt zur Routineuntersuchung und dank der neuen Medizin schafft er es, meine mittlerweile vielen Schmerzen und Leiden deutlich zu mildern. Die Wochen danach fühlt man sich wie neu geboren.

Bei uns am Stadtrand wurden abermals die Gelder für den öffentlichen Nahverkehr gekürzt. Ab nächster Woche fahren die Busse nur noch aller drei Stunden und sind wie immer völlig überfüllt. Wie dann meine Kinder wohl zur Schule kommen? Würde ich auf der anderen Seite im Luxusviertel wohnen, würde der Privatlehrer sich einfach etwas verspäten. Doch was soll dieses Wunschdenken?

Aber an einem Tag wie diesem werden wohl auch die Kinder der Besserverdiener vergeblich auf ihre Lehrer warten, denn die streiken. Und das zu Recht! Sie wehren sich gegen die derzeitige Politik der Technologie- und Wirtschaftspartei (TWP), die nur an die Bedürfnisse der Besserverdienenden denkt und die Ärmeren ruhigstellen will. Die Sozialleistungen haben sie ebenso gekürzt, wie sie den Mindestlohn abgeschafft haben. Und das wollen die Lehrer nicht mehr hinnehmen und wollen nun allwöchentlich streiken.

Es begann mit „The Brain“ – einer neuen Implementationstechnologie, die das Wissen des kompletten Internets dem menschlichen Gehirn zur Verfügung stellt und auch gleichzeitig Smartphones ersetzt. Der stolze Preis von 25.000 Euro war für den Durchschnittsverdiener zu viel – meine Eltern konnten sich das als Fabrikarbeiter schlicht nicht leisten. Doch die Reicheren – im Volksmund oft auch die „Cyborgs“ genannt – hatten dadurch enorme Vorteile: Für ihre Kinder war ein Abitur mit erst 10 Jahren eher peinlich, hingegen für Kinder der einfachen Bürger ohne „the Brain“ völlig utopisch. Nun wird das neue Modell angekündigt – abermals für 25.000 Euro. Das kann sich wieder kaum jemand leisten.

Mein Vater arbeitet auch im fortgeschrittenen Alter in einer Fabrik, die einem der Cyborgs gehört. Auf Demos traut er sich nicht aus Angst vor drohender Arbeitslosigkeit, die uns nun hart treffen würde. Noch habe ich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für meine Kinder nicht aufgegeben, denn es regt sich Protest. Bis der etwas verändert, kann noch allerdings lange dauern.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: Zu Hause bei Hans

 Handelnde Personen:

  • Hans  
  • Cybot  
  • Nachrichtensprecher  

Hans schläft tief und draußen ist es noch dunkel, als ein Cybot an sein Bett tritt.

Cybot (in monotoner und metallener Stimme): Guten Morgen, Hans! Sie müssen (macht eine kurze Pause) jetzt aufwachen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Sie haben 9 Stunden und 40 Minuten geschlafen, Ihr Durchschnittspuls in der Nacht betrug 60. Ich habe Ihnen Ihr Frühstück hingestellt.

Hans: Guten Morgen (gähnt)!

Cybot: Wie geht es Ihnen?

Hans: Mir geht’s gut, danke. Wie spät ist es?

Cybot: Es ist 9:11 Uhr.

Hans: Okay, was steht heute an, Cybot?

Cybot: Um 9:15 Uhr aufstehen, um 14 Uhr „The Brain“ updaten und um 18 Uhr ist das Dinner mit der Familie geplant.

Hans: Hm. Sonst noch was?

Cybot: Das war’s.

Hans: Okay, vielen Dank!

Cybot: Soll ich den Fernseher anmachen?

Hans: Mach das und geh sauber machen.

Der Cybot schaltet den Fernseher an und geht ins Bad, es läuft eine Nachrichtensendung.

Nachrichtensprecher: Schönen guten Tag! Wir haben eine Eilmeldung: Es gibt Aufruhr in der Bevölkerung. Die Technologische Wirtschaftspartei (TWP) veröffentlicht heute den Nachfolger von „The Brain“. Die Erweiterung ist wieder für 25.000 Euro zu erwerben. Schon das erste Brain sorgte für Unzufriedenheit unter den weniger Wohlhabenden in der Bevölkerung. Als es vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, spaltete es die Bevölkerung, da die Besserverdiener noch reicher wurden.

Es stellt sich hier die Frage: Leben wir noch in einer Demokratie, wenn sich die Politik so einseitig für die Elite einsetzt, die doch zahlenmäßig in der Minderheit ist? Wir melden uns bei Ihnen wieder, wenn wir neue Informationen haben. Wir schalten derweil live herüber zu unserem Kollegen auf der Demonstration.


2. Akt: Auf eine Demonstration

 Handelnde Personen:  

  • Korrespondent  
  • Demonstrantin  
  • Demonstrant  

Hunderte von Demonstranten haben sich auf dem Marktplatz versammelt und geben ihren Protest lautstark kund.

Demonstranten: Wir sagen Nee zur TWP! Wir sagen Nee zur TWP! Wir sagen Nee zur TWP!

Ein Korrespondent mischt sich unter die Menschen und wendet sich einem Paar mit Trillerpfeifen und großem Plakat mit der Aufschrift „Nee zur TWP“ zu.

Korrespondent: Schönen guten Tag! Dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen?

Demonstrantin: Ja, gerne!

Korrespondent: Wieso streiken Sie?

Demonstrantin: Weil wir einfach nicht genügend Lohn und Sozialleistungen bekommen. Wir möchten ein besseres Leben führen und einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung erhalten! Außerdem gelangen wir nicht an „The Brain“, weil dies nur für die Reichen bestimmt ist und zu viel kostet. Damit haben die doch einen riesigen Vorteil gegenüber uns. Zudem ist eine Mauer zwischen den Reichen und uns gebaut worden, damit diese ihren Wohlstand besser verteidigen können. Das ist doch alles unfair!

Korrespondent: Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft?

Demonstrantin: Wir wünschen uns mehr Chancengleichheit und eine gerechtere Einkommensverteilung. So kann es nicht weitergehen!

Korrespondent: Und nun zu Ihnen. (wendet sich dem männlichen Begleiter zu) Warum ist die Situation so, wie sie ist?

Demonstrant: Die Politik steht nur auf der Seite der Reichen, weil sie selbst dazu gehört. Sie ignorieren unsere Probleme und kümmern sich nicht darum.

Korrespondent: Und warum ist Ihrer Meinung nach daran die TWP schuld?

Demonstrant: Die TWP ist die führende Partei und trägt die politische Verantwortung für die aktuelle gesellschaftliche Lage. Außerdem hat sie „The Brain“ entwickeln lassen und hält diese Technologie uns vor. Letztlich grenzt sie uns von einer umfassenden Bildung aus, was einen sozialen Aufstieg verhindert. Der Besitz des „Brains“ sichert den Wohlhabenden ihren sozialen Status, da der einfache Bürger keine Chance hat, diese neue Technologie je zu erwerben. Als Durchschnittsverdiener kann man sich kein „Brain“ leisten.

Demonstrantin: Ja genau! Außerdem verlieren wir wegen der neuen Maschinen unsere Arbeit und müssen uns etwas im Niedriglohnsektor suchen.

Korrespondent: Vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Die Sprechchöre im Hintergrund werden immer lauter, man versteht kaum noch etwas und geht es zurück ins Studio.


3. Akt: Vor dem Parlament

 Handelnde Personen:

  • Marco Saponara – Vorsitzender der TWP  
  • Demonstranten  

Marco Saponara (blickt mit einem Lächeln in die Kamera): Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, (schaut abschätzig auf die Menge vor ihm) sehr verachtete Demonstranten! Ich, Marco Saponara…

Demonstranten: Buhhhh!

Marco Saponara: Ruhe! Ich bin immerhin der Vorsitzende der TWP.

Demonstranten (immer lauter): Buhhhh!

Marco Saponara: Ich bin zutiefst enttäuscht von euch Demonstranten! Für Proteste gibt es gar keinen Grund. Was da auf den Plakaten steht, das sind alles Lügen! Lasst uns auf die Fakten schauen: Dank unserer Sozialpolitik bekommt jeder Arbeitslose eine finanzielle Unterstützung. Das kann niemand leugnen.

Jeder, der an dieser Demonstration teilnimmt, ist ein Lügner, und da keine Demonstration angemeldet wurde, auch ein Krimineller! Das wird Konsequenzen haben. Wer zu faul ist, um arbeiten zu gehen, hat unseren technologischen Fortschritt wie „The Brain“ nicht verdient. Ihr lebt doch nur auf Kosten des Staates. Jeder hat einen Teil zur Gesellschaft beizutragen. Und nun löst diese Masse endlich auf! Sonst werden wir härter durchgreifen müssen.

Demonstranten: Buhhhh! Stoppt die Ausgrenzung! Revolution!

Es fliegen Tomaten und Bananen, Marco Saponara tritt fluchend ab und wird von Sicherheitsbeamten zum Hinterausgang begleitet.