Von Sekt und Sektoren

Ein Zeitreise-Bericht der Klasse 10/2 des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Nossen vom 3. bis 4. Mai 2022


Wir schreiben das Jahr 2045

Leben in Sektoren

Wir leben in 3 Sektoren,
statt in einem gemeinsamen Land.
Unser Stand bestimmt vom Geld,
unsere Sicht begrenzt vom Stachelrand.

Der Primärsektor hält zusammen,
genießt den Reichtum
und das gesamte Luxusprogramm.
Freiheit, Frieden und auch Natur
steht nur diesem Sektor zu.

Der sekundäre Sektor lebt normal,
steht über dem Abschaum,
aber hat keine freie Wahl.

Der dritte Sektor ist für den Rest,
das Getto, in den Augen der Reichen die Pest.
Sie haben weder Ordnung noch Recht,
leben unter Kontrolle und sind unecht.

Wir leben in einer Autokratie,
getarnt als Demokratie.
Die Bonzen bestimmen über die Slums,
die Bitcoins bestimmen über den Stand.

Ein Leben ohne Vertrauen,
außer dein Reichtum
begrenzt das Misstrauen.



Eine Szene, die sich im Jahre 2045 zugetragen hat…

1. Akt: An der Grenze zwischen Sektor 3 und 2

 Handelnde Personen:  

  • 973c und 568b ­–   
    zwei Bürger aus Sektor 3  
  • 8 und 13 –   
    zwei Bürger aus Sektor 2  

Zwei Bürger aus Sektor 3, in dem die Menschen in der Schwerindustrie schuften und unter äußerst prekären Bedingungen leben, übertreten eilig die Grenze zu Sektor 2, wo die Mittelschicht ein einfaches Auskommen hat. Sofort registriert ein Scanner die Bürgernummern auf den Armbändern der Eindringlinge und löst ein kurzes Warnsignal aus. Der Bürger mit der Nummer 973c, der sichtlich angeschlagen ist, fällt hin. Zwei Bürger des 2. Sektors, deren täglicher Arbeitsweg an der Grenze entlangführt, versuchen ihm wieder aufzuhelfen.

973c (sich wehrend und stark hustend): Nein, lasst mich gehen!

8: Oh, geht’s Ihnen nicht gut?

13: Wir wollen Ihnen doch nur helfen.

973c (heiser): So geht es mir schon seit Monaten, vor lauter Arbeit und Abgasen!

8 (mitfühlend und zugleich wütend): Oh, uns geht’s da auch nicht viel besser. Wir müssen immer nur arbeiten, arbeiten und arbeiten!

568b: Und für wen?

13 (erbost): Damit die da oben ein schönes Leben haben!

8: Die machen bestimmt gerade ein Sektfrühstück!

973c: Ja!

13: Die leben in Saus und Braus!

568b (entschlossen): Eben, da müssen wir was unternehmen! Deshalb wollen wir weiter, in Sektor 1.

8 (enthusiastisch): Ja wir brauchen Veränderung!

973c: Wir wollen Revolution!

13: Ja!!!

Alle (rufend): Wir wollen Revolution! Wir wollen Revolution!

Die vier machen sich zusammen auf in Richtung der Grenze zu Sektor 1.


2. Akt: In Sektor 1, in einem Haus der Reichen

 Handelnde Personen:  

  • Daphne Claudine von und zu Binnen  
  • und Gina Alice von Hohenstein –   
    zwei Bürgerinnen aus Sektor 1  

Daphne Claudine von und zu Binnen hat ihre beste Freundin Gina Alice von Hohenstein zum Frühstück in ihr Penthouse eingeladen. Auf der Dachterrasse des mit bunten Fenstern verglasten Hochhauses nahe der Grenze zu Sektor 2 wollen die beiden bei Sonne und Sekt über die Freuden und Sorgen ihres Alltags plaudern.

Daphne Claudine (mit einem Luftkuss auf die Stirn der Freundin): Gigi, immer wieder eine Freude, dich zu sehen!

Gina Alice: Daffi, ich freu mich auch!

Daphne Claudine (seufzend): Wirklich, du glaubst gar nicht, wie anstrengend mein gestriger Tag war! Erst Maniküre und dann noch Pediküre! Das war kaum zu schaffen.

Gina Alice: Ja ich war schon heute Morgen beim Friseur. Eigentlich wollte ich einfach was Natürliches, aber (klagend) diese Pfuscher haben ja gar keinen Intellekt mehr.

Daphne Claudine (mitleidsvoll): Ja das sieht man, meine Liebe. Ist nicht gut gemacht! Aber setz dich doch! Wir lassen’s uns nach all dem Ärger mal richtig gutgehen!

Beide fläzen sich wie Königinnen auf die Sonnenliegen vor dem prall gedeckten Frühstückstischchen und greifen zu den Sektgläsern.

Daphne Claudine: Prösterchen!

Gina Alice: Auf uns!

Daphne Claudine: Ach, ich war neulich mit meinem Mann Umberto eine Insel kaufen. Er hat sie nach mir benannt: „Daphne Claudine von und zu Binnen Island“. Über diesen Namen könnt’ ich Tag und Nacht schwelgen. Eine ausgezeichnete Wahl! – Und was hast du so in der letzten Zeit getrieben?

Gina Alice (genervt an der neuen Frisur zupfend): Hör auf, dieser ganze Papierkram! Das find ich ja immer viel zu anstrengend. Früher ging das alles viel einfacher!

Daphne Claudine (mit einer abwehrenden Handbewegung): Ach, meine Liebe, dafür haben wir doch die Männer – perfekte Gegenstände! Solltest du dir dringend zulegen, so einen Mann!

Gina Alice (etwas gelangweilt): Na ja, mal schauen!

Daphne Claudine: Ich hab mir letztens eine neue Gucci-Tasche geleistet und da ist mir plötzlich in den Sinn gekommen, dass die Leute aus Sektor 2 und 3 (scheinbar mit echtem Mitgefühl) gar nicht die Möglichkeit haben, so etwas Wertvolles zu sehen, geschweige denn zu besitzen. Kannst du dir das vorstellen, ein Leben ohne Gucci?

Gina Alice: Wo denkst du hin?! Ich frag mich auch immer, was die den lieben langen Tag so machen. Ich meine, ohne (verächtlich kichernd) Shopping und so.

Daphne Claudine (vom Kichern angesteckt): Haha, Gott sei Dank müssen wir uns nicht mit solchen Problemen rumschlagen oder gar arbeiten! Das würde mein Leben völlig kaputtmachen. Na ja! (in Richtung der Bar am Rande der Terrasse rufend) James, wir brauchen mehr Champagner!

Ein stattlicher Mann in klassischer Robe serviert eine eisgekühlte Flasche samt neuen Sektkelchen aus beinahe unsichtbarem Glas sowie ein paar Low-Carb-Schnittchen.


3. Akt: In Sektor 1, vor dem Haus der Reichen

 Handelnde Personen:

  • Bürger aus Sektor 1, 2 und 3  
  • Bodyguard  

Die vier Bürger, die sich aus Sektor 3 und 2 aufgemacht haben, übertreten die Grenze zu Sektor 1. Es ertönt ein kurzes Warnsignal. Wenig später erreichen sie das Penthouse der beiden frühstückenden Freundinnen. Als sie sich im Vorgarten postieren (die beiden Bürger aus Sektor 2 zuvorderst, die beiden anderen aus Sektor 3 dahinter) und ihre Losung lauthals kundtun, schlägt die Alarmanlage des Hauses an.

Bürger aus Sektor 2+3 (gegen den Alarm anschreiend): Wir wollen Revolution! Wir wollen Revolution!

Ein wenig verunsichert und sichtlich schon mehr als angetrunken begeben sie die beiden reichen Frauen in Begleitung eines muskulösen Bodyguards nach unten vor die Haustür.

Daphne Claudine (die Nase rümpfend, zu den Protestierenden): Um Gotteswillen, wie seid ihr denn angezogen?

Gina Alice (beinahe geschockt): Das sind Asoziale!

8 (bestimmt): Wir sind hier, um unsere Menschenrechte zu verteidigen!

568b (etwas zögerlich von hinten): Ja, wir haben genauso viele Rechte wie ihr!

Daphne Claudine (mit skeptischem Blick zur Freundin): Menschenrechte?

Gina Alice (abfällig): Was für Menschenrechte?

Daphne Claudine (zum Bodyguard): Stewart!

Der Bodyguard geht auf die vordere Reihe der sogleich leiser werdenden Protestierer zu, um mit seiner Armbanduhr deren Armbandnummern auszulesen. Eine Stimme auf seiner Uhr verkündet:

13 und 8!

Gina Alice: Ah, Sektor 2! Das hab ich mir gleich gedacht!

Daphne Claudine: Ekelhaft! Stewart, weiter!

Der Bodyguard checkt auch die Protestierer in der hinteren Reihe. Die Armbanduhr verlautet:

973c und 568b!

Gina Alice (ungläubig zur Freundin): Sag mal, ist das nicht Sektor 3?

Daphne Claudine: Was, die leben noch? Ich dachte, die wären schon alle verreckt.

568b (allen Mut zusammennehmend): Wir wollen Veränderung! Diese ganzen Industrieabgase, so kann es nicht weitergehen.

13: Genau! Und wir wollen nicht mehr nur arbeiten und arbeiten, auch nicht für den grünen Energiesektor oder als eure Dienstleister!

8: Wir sind hier, um die Regierung zu stürzen!

Gina Alice (um eine ernste Stimme bemüht): Die Regierung?

973c (mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen): Ja, wir wollen eine Revolution!

Alle Protestierer (laut im Chor): Ja, wir stürzen das Regime! Wir stürzen das Regime!

Daphne Claudine (mit strengem Befehlston und einer nichts Gutes verheißenden Geste): Stewart!

Der Bodyguard stürzt sich auf die beiden vorderen Protestierer und schaltet sie mit der Elektroschockfunktion seiner Armbanduhr aus. Die beiden hinteren versuchen zu fliehen.

Gina Alice (in Rage): Ergreif sie!

Der Bodyguard holt unversehens den angeschlagenen, strauchelnden Bürger 973c ein.

973c: Hilf…!

568b hält kurz im Laufen inne und wird ebenso wie sein Kompagnon von der Uhr des Bodyguards niedergestreckt.

Daphne Claudine: Komm, Gigi, meine Liebe! Higs – jetzt haben wir erst recht einen Grund zum Anstoßen!

Die beiden Freundinnen torkeln Arm in Arm zum Haus zurück, während der Bodyguard dienstbeflissen hinterhertrottet.


Redaktion: sb